Geistliches Wort


Predigt über Markus 12, 1 – 12

 

 

„Jesus fing an, zu ihnen in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole. Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn. Und er sandte noch einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie. Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den sandte er als Letzten auch zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein! Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg. Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben. Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen (Psalm 118,22-23): »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«? Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon.“

 

Liebe Schwestern und Brüder!

     Jesus Christus erzählt uns heute ein Gleichnis, eine Begebenheit, eine wahre Geschichte, die voller Überraschungen und Wunder ist.

     In Israel besaßen damals reiche Ausländer große Ländereien und bauten dort Weinstöcke an. Irgendwann zogen die Fremden in ihre Heimat zu ihren Familien und ließen den Weinberg durch Pächter verwalten und bearbeiten. Zuerst nach 5 Jahren, dann jedes Jahr schickten sie Boten nach Israel, um den vereinbarten Pachtzins in Form von guten Wein und anderen Naturabgaben abzuholen. Die Israeliten waren damit überhaupt nicht einverstanden, sie wollten frei und unabhängig sein und nicht Abgaben für ihre harte Arbeit zahlen. Ihnen gehörte eigentlich das Land. Man müsste sich auflehnen. Aber wie? 

     Nun nimmt Jesus Christus diese Begebenheit auf und macht daran zwei andere Tatsache deutlich, die wir Menschen immer wieder übersehen oder verdrängen. Es ist auf der einen Seite so ungewöhnlich, so fies und gemein, dass wir erschrecken und dann doch froh, unendlich froh werden können.

     Denn so ist der Mensch, so undankbar und gemein Gott gegenüber! Doch Gott ist trotz allem so langmütig und geduldig und gütig und liebevoll! ER hofft alles, um unser Herz ja nur zu gewinnen.

 

     Zunächst, liebe Schwestern und Brüder, ist der Gedanke ungewöhnlich, dass Gott etwas fordert wie der Weinbergbesitzer. Es ist uns fremd, weil wir es vergessen haben oder nicht wahrhaben wollen, dass der HERR das Recht hat und etwas von uns etwas verlangen darf. Wie der Weinbergbesitzer so hat der Schöpfer einen Anspruch darauf, dass wir IHM dankbar sind und Respekt erweisen.

     Der Besitzer im Gleichnis macht sich große Mühe: er kauft einen Weinberg. Lockert den Boden auf und pflanzt kostbare Reben an. Er setzt gegen wilde Tiere und Eindringliche einen Schutzzaum herum und gräbt eine Kelter, um den kostbaren Traubensaft vor Ort zu gewinnen. Schließlich baut er einen Turm zur Lagerung der Weinfässer. Mit Recht kann der Besitzer später den Pachtzins erwarten.  

     So hat Gott der Schöpfer uns geschaffen und ins Leben gerufen. Er hat uns mit allem Lebensnotwendigen versorgt und obendrein noch mit so manchen Annehmlichkeiten beschenkt. ER hat uns begabt mit Talenten, Begabungen, Hab und Gut, Haus und Hof, Acker, Vieh und alle Güter! „Alle gute Gabe, alles, was wir haben, kommt, o Gott, von Dir, wir danken dir dafür!“

     Für uns, liebe Schwestern und Brüder, gilt ja noch mehr: der HERR hat uns  erlöst aus lauter Güte und Barmherzigkeit, wiedergeboren zu seinen Kindern und hineingestellt in das Leben bei IHM. Wir gehören IHM mit Leib, Seele und Geist – eben geschaffen und erlöst durch das Blut seines Sohnes. ER ist der HERR, der Besitzer, der Eigentümer. Wir sind Pächter, Verwalter, die alles als Leihgabe von IHM empfangen haben. Alles – auch das Leben. 

 

     Darum hat ER einen Anspruch darauf. Da gibt es nichts zu rütteln oder zu hinterfragen. ER ist der HERR! ER allein! Das ist lebenswichtig, damit wir auf dieser Erde nicht untergehen und uns das Leben gegenseitig zur Hölle machen. ER ist der HERR, der zu sagen hat. ER, nicht wir!

     Aber eben damit haben wir Menschen so unsere Schwierigkeiten. Der Besitzer schickt immer wieder Boten, um die Menschen an diese Tatsache zu erinnern, um die Menschen auf den Boden der Wirklichkeit zurückzuholen, um sie fragen: „Was habt Ihr mit meinen Gaben gemacht?“ Damit bietet sich unser HERR, liebe Schwestern und Brüder, als unser Gegenüber an, damit wir ja nur nicht verlieren, sondern IHN bei uns haben!

     Aber die Pächter lehnen ab: sie verweigern die Pacht, sie ignorieren den Anspruch des HERRN, ja sie stellen sich selbst an die Stelle des HERRN. Das ist unser Verhängnis, dass der Mensch sein eigner Herr sein will, dass er sein und selbst entscheiden will: er will sein wie Gott. Das kann nicht gut gehen, wenn der Mensch seinen Schöpfer, seinen Gott als Gegenüber verliert, dann steht er ganz allein da!

 

     Liebe Schwester und Brüder! Wir sind Pächter, Verwalter, nicht Herren und schon gar nicht Eigentümer!

     Ein Beispiel: Bei einem sportlochen Wettkampf steht einer immer ganz oben auf dem Podest, der Sieger, der ist überglücklich und strahlt vor Freude. Das darf er auch, denn er hat Großartiges vollbracht, er war schneller als alle anderen, er hat fleißig trainiert und großen Strapazen auf sich genommen. Prima! Aber selten hört man den Dank an Gott, als ob der Sieg einzig auf die Kappe des Menschen geht.

     Wer denkt nicht so, heimlich und tief innen?! Schnell sind wir doch dabei, dass wir uns selbst als Mordskerl bezeichnen: Ich habe das Projekt in meinem Beruf zu einem guten Abschluss gebracht und werde gelobt. Ich bin stolz, nach harter Arbeit und großer Sparsamkeit nun endlich mein eignes Haus zu beziehen. Und meine Klassenarbeit ist sehr gut! Haben wir es vergessen? „Alle gute Gabe, alles, was wir haben, kommt, o Gott, von Dir, wir danken dir dafür!“

     Haben wir gewonnen oder Erfolg gehabt, dann klopfen wir uns auf die Schulter. Der Kampf um die guten Plätze ist in vollem Gang! Zum Erfolg sind wir verdammt. Das Gute gehört irgendwie einfach zu uns! Wehe, das macht uns jemand madig!

     Und auf der anderen Seite gehört das Dunkle, unsere Einbrüche und unser Versagen nicht dazu. Dafür sind andere schuld: die haben mich gereizt und provoziert, die haben mir Böses gewollt und ich habe mich einfach nur verteidigt. Ich konnte nicht anders!

     Genau das ist unser Problem, unser ganzes Elend: was gut und hervorragend ist, das habe ich gemacht. Was böse und verwerflich ist, das schieben wir von uns weg auf andere. Letztlich ist Gott sogar schuld.

 

     Aber, liebe Schwestern und Brüder, wie befreiend ist es, wenn wir in allem den HERRN als unser Gegenüber haben: Dass wir IHM danken für das Große, denn es kommt doch von IHM! Dass wir IHM Respekt erweisen, weil wir aufgrund seiner Gaben und durch seine Kraft Großes vollbringen konnten. Da haben wir es nicht mehr nötig, krampfhaft unsere vermeintlichen Stärken hervorzuheben und uns ins helle Licht zu stellen. 

     Und wie befreiend ist es, dass wir zu uns selbst stehen können, so wie wir sind. ER kennt uns doch und hat uns immer noch lieb! Wir haben es nicht mehr nötig, krampfhaft unsere Schuld zu vertuschen oder zu verharmlosen oder auf anderen aufzuschieben oder uns vor anderen mit fremden Federn zu schmücken. ER hat unsere Schuld doch wegtragen. ER hat uns doch vergeben und schenkt einen Neuanfang. ER hat mit mir Geduld und trägt mich trotz allem. ER ist immer noch mein HERR und mein Vater! Gott sei Dank!

 

     Von diesem großartigen, unbegreiflichen Gott erzählt Jesus Christus in seinem Gleichnis. Wahr ist nicht nur, wie sich die Pächter, also wir Menschen uns verhalten. Sondern unvorstellbar wahr und gut ist es, wie der Weinbergbesitzer, also Gott den Menschen begegnet.

     Die Pächter verweigern nicht nur den geforderten und geschuldeten Pachtzins, sondern verprügeln die Boten. Doch der HERR sendet weitere Boten und setzt auf die Einsicht der Pächter. Mit Fug und Recht hätte der Herr eingreifen müssen. Spätestens als die Boten ermordet wurden, hätte er eine bewaffnetes Kommando schicken müssen.

     Der Besitzer erscheint hilflos, schwach, ja harmlos zu sein. Ein Schwächling, mit dem die Menschen machen können, was sie wollen. Den die Menschen ausnutzen, mit dem sie regelrecht spielen.

     Und dann wird es noch unheimlicher und unlogisch. Der Besitzer sendet seinen Sohn. Unglaublich! Wo bleibt seine Menschenkenntnis? Der Vater schickt doch seinen Sohn direkt in den Tod. Das hätte ER doch wissen können. Ein solches Verhalten ist doch eigentlich Unsinn, eine Torheit, ein Skandal!

     Merkt Ihr, liebe Schwestern und Brüder: So ist Gott der HERR, der Schöpfer und Erlöser. Er startet einen letzten Versuch, um die Menschen zu gewinnen ohne Gewalt. ER müht sich um Einsicht, dass sie IHN anerkennen und seine Liebe sehen, dass sie seine Barmherzigkeit spüren, in sich kehren und umkehren. Gott hat sich am Karfreitag zu Tode geblutet für uns, damit wir erkennen, das hat ER für uns getan, uns zugute, uns zum Heil und zum Leben, damit ER wieder bei uns zu seinem Recht kommen, damit ER ganz und gar der HERR unseres Leben sei und bleibe.

     Der Tod Jesu ist also, liebe Schwestern und Brüder, der gewaltlose Angriff Gottes auf unser Herz. Aber Gott will gewinnen, nicht töten - will retten, nicht vernichten - will lieben, nicht strafen!  Dazu hätte er nicht nur die Macht, sondern vor allem das Recht.

           

     Hört Ihr, liebe Zuhörer: die Liebe ist´s: sie treibt unseren Gott. Die Liebe hofft alles: Gott der HERR versucht es immer noch mit uns und hofft jedes Mal, dass der Mensch in sich geht und sich eines Besseren besinnt, dass wir Gott danken und in Ehrfurcht mit IHM leben. ER ruft und bittet. ER lockt und wirbt.

     Auch wenn ein Mensch mit Gott schon längst fertig ist und IHN loswerden will, der HERR bleibt dran: ER lässt sich herumstoßen und beleidigen. Bisweilen erscheint Gott wie der Weinbergbesitzer so schwach und hilflos, so lächerlich und harmlos. Alles nur, damit ER jetzt nicht mit Gewalt einschreiten und sein Recht mit Macht durchsetzen muss. Das wäre unser Ende.

 

     Liebe Schwestern und Brüder! Noch hat Gott der HERR Geduld Wie lange noch? Noch hat der HERR ein brennendes Interesse an uns, obwohl ER auch ganz gut - ja noch besser und einfacher ohne uns leben könnte! Noch macht Gott weiter – das ist schließlich das Wunder, mit dem Jesus Christus das Gleichnis beendet. 

     Am Karfreitag ist eben nicht Schluss. ER hat sich eben nicht verrechnet. Im Gegenteil: ER hat den Baustein, den die Bauleute verworfen haben, den die Menschen abgelehnt und verstoßen haben, zum wichtigsten Stein in seinem Reich gemacht, der alles trägt und zusammenhält.

     Das ist ein wirklich ein Wunder! Das ist nicht selbstverständlich! Gott könnte die Welt fallen lassen - allen Grund dazu hätte er dazu! Aber Gott reagiert nicht auf das Verhalten der Menschen. ER hat alles souverän in der Hand. ER hat wieder den Anfang gesetzt, wieder die Initiative ergriffen und seinen Sohn vom Tode zum Leben erweckt.

     ER hat seinen Sohn erneut in die Welt geschickt zu den Menschen, um sie an den gütigen, barmherzigen Vater zu erinnern, um sie in die Liebe des Allerhöchsten einzuhüllen.

     Der HERR Jesus Christus klopft an Dein Herz, um bei Dir einzuziehen und Dich zu füllen mit seiner Vergebung, mit seiner Kraft und seinem Leben. Du sollst wieder leben unter den Augen Deines himmlischen Vaters, der alles hofft.

     Der hofft, dass Du IHM dankbar bist und mit IHM lebst. Dass Du mit IHM neue Wege der Liebe und des Friedens gehst.

 

     Noch hat Gott Geduld. Noch dürfen wir kommen. Jetzt ist ER da für uns. Jetzt gebührt IHM Lob und Dank allezeit bis in Ewigkeit! Amen.

  

Gehalten am Sonntag Reminiszere (1. März 2015) in Aumenau und Steeden

      

Pfarrer Stefan Dittmer

 
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